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Eine neue Ära für wissenschaftsbasierte Klimazielsetzungen: Der neue Corporate Net-Zero-Standard (CNZS) V2.0 der SBTi

16.06.2026

 

Das Warten hat ein Ende: Die SBTi hat die finale Version des neuen Corporate Net-Zero-Standard V2.0 veröffentlicht. Die Neuerungen betreffen rund 13.500 Unternehmen weltweit, die nun verstehen müssen, welche Veränderungen auf sie zukommen. Der finale Standard kombiniert Vorschläge aus den beidenKonsultationen mit bewährten Elementen aus Version 1.0 und bringt somit einige spannende Veränderungen mit sich. 

Doch welche konkreten Änderungen beinhaltet der neue Standard und welche Implikationen ergeben sich daraus für Unternehmen? In diesem Beitrag erhalten Sie Antworten zu den wichtigsten Fragen rund um den neuen Net-Zero-Standard. 

 

Sie möchten die Änderungen direkt mit unseren Expert*innen besprechen? In unserem Webinar zum neuen SBTi Corporate Net-Zero-Standard V2.0 am 29. Juni beantworten wir Ihre Fragen und zeigen, was die Neuerungen konkret für Ihr Unternehmen bedeuten.

 

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Das neue Narrativ der SBTi: „Best efforts, real barriers 

Bisher war die SBTi als strenge Hüterin wissenschaftsbasierter Klimazielsetzungen bekannt. Obwohl die SBTi keine Sanktionen bei Zielverfehlungen durchsetzen kann, wirkte das Risiko einer Zielverfehlung auf viele Unternehmen abschreckend und führte dazu, dass sie lieber ganz auf ambitionierte Ziele verzichteten. Denn die meisten Transitionspläne weisen Ziellücken auf, und oft ist unklar, wie die von der SBTi geforderten rigorosen Emissionsreduktionen technisch und wirtschaftlich erreicht werden können. Eine SBTi-Zielsetzung erforderte daher den Mut, sich zu etwas zu verpflichten, dessen Umsetzbarkeit noch nicht gänzlich ausgearbeitet war. 

 

Mit dem neuen Net-Zero-Standard passt die SBTi ihr Narrativ an die Realität von Unternehmen weltweit an. Emissionsreduktionen bleiben zwar zentral für 1,5°C-konforme Ziele, erfolgen aber nun auf Basis einer „Best-Effort"-Praxis. Das bedeutet konkret: Die SBTi erkennt an, dass das Erreichen von Klimazielenvon externen Faktoren, wie z.B. verfügbaren Technologien und finanziellen Ressourcen, abhängt. Unternehmen müssen nachweisen, dass sie alle in ihrer Kontrolle und Einflusssphäre liegenden Maßnahmen umgesetzt haben. Die SBTi zeigt sich nun offen für Zielverfehlungen in Fällen, in denen die notwendige Reduktion nachgewiesenermaßen durch äußere Faktoren nicht erreicht werden konnte.  

 

Wir freuen uns, dass die SBTi die Anregungen unseres Open Letters vom 12. Dezember 2025 aufgegriffen und den Standard in wichtigen Punkten praxisorientierter angepasst hat. Damit wird der neue Standard für viele Unternehmen deutlich besser umsetzbar. Wir danken allen Unternehmen, die sich konstruktiv an der Initiative beteiligt haben – sie haben gezeigt, dass proaktive Mitgestaltung möglich ist, wenn man den Dialog führt. 

 

Neue Anforderungen an Governance & Transitionsplan 

Wie in den Entwürfen bereits angedeutet, müssen Unternehmen spätestens 15 Monate nach Validierung ihrer Ziele einen Transitionsplan veröffentlichen. Die SBTi definiert dabei Anforderungen an die Inhalte solcher Pläne und orientiert sich an etablierten Standards, wie z. B. das Transition Planning Taskforce (TPT) Disclosure Framework. Zudem wird zur Pflicht, was bislang gelebte Praxis war: Unternehmen müssen ihre SBTi-Ziele vor Einreichung vom höchsten Entscheidungsgremium freigeben lassen. Dasselbe gilt für den Transitionsplan. 

 

Beyond One Size fits all“: Neue Methoden erlauben passgenauere Zielsetzungen 

Der Gestaltungsspielraum von SBTi-Zielen war unter der ersten Version des Net-Zero-Standards bislang eingeschränkt. Zwar konnten Unternehmen durch die Wahl der Target Boundary ihre Ziele individualisieren, doch waren sie in der Wahl der eigentlichen Methodik eingeschränkt. Die meisten Unternehmen setzen sich daher absolute Reduktionsziele, die jedoch je nach Unternehmenskontext nicht immer die beste Wahl sind. Der neue Net-Zero-Standard 2.0 ergänzt bisherige Methoden gezielt um aktivitätsspezifische Ansätze. Damit sind absolute Reduktionsziele weiterhin möglich, werden jedoch durch sinnvolle Alternativen ergänzt. 

Eine wichtige Neuerung folgt aus den neuen Kriterien: Alle Zielsetzungen, einschließlich kurzfristiger Scope-3-Ziele, müssen dem 1,5°C-Ambitionsniveau entsprechen. Kombinierte Zielsetzungen sind zudem künftig nicht mehr zulässig. 

 

Die neuen Zielsetzungsmethoden im Detail: Diese Möglichkeiten haben Unternehmen ab 2027 

 

  • Scope 1: Neben der Möglichkeit, sich weiterhin ein übergreifendes absolutes Reduktionsziel zu setzen, gibt es jetzt auch sogenannte „Asset Transition Targets" für besonders emissionsintensive Aktivitäten. Diese Methode arbeitet mit einem Emissionsbudget und berücksichtigt die Realität, in der Emissionen durch große emissionsintensive Anlagen nicht kontinuierlich, sondern durch punktuelle Investitionen reduziert werden. Die Dekarbonisierung solcher Assets kann jedoch nicht bis 2050 aufgeschoben werden. Aus dem Emissionsbudget ergibt sich vielmehr ein verbindlicher Stichtag, bis zu dem das Asset dekarbonisiert sein muss. Eine solche Zielsetzung erfordert zusätzlich zum Near-Term-Ziel, ein langfristiges Scope-1-Ziel sowie einen entsprechenden langfristigen Transitionsplan. Das neue langfristige Ambitionsniveau für Scope-1-Emissionen liegt bei einer vollständigen Reduktion auf null bis spätestens 2050 und ist damit ambitionierter als der bisherige Standard.  

  • Scope 2: Eine auf den ersten Blick kleine, aber wichtige Anforderung ist die Verpflichtung, Scope-2-Ziele auf Basis der Location-Based-Emissionen zu setzen. Da Unternehmen jedoch die Möglichkeit haben, ein separates Low-Carbon-Electricity-Target zu definieren und Grünstrom darauf anzurechnen, sind die praktischen Auswirkungen für Unternehmen deutlich geringer als zunächst zu erwarten ist. Für die Festlegung des langfristigen Ambitionsniveaus unterscheidet die SBTi nach zahlreichem Feedback der beiden Konsultationen zwischen Advanced Economics“ (Zieljahr 2040) und „Emerging Marketsund Developing Economies“ (Zieljahr 2045).  

  • Scope 3: Unternehmen können sich weiterhin ein übergeordnetes absolutes Reduktionsziel für Scope 3 setzen oder aktivitätsspezifische Ziele je Scope-3-Kategorie definieren. Letztere sind näher an die praktische Umsetzung von Reduktionsmaßnahmen ausgerichtet und unterstützen Unternehmen bei der Implementierung von Net-Zero-konformen Aktivitäten. Neu ist zudem: Die kurzfristige Target Boundary muss alle Scope-3-Kategorien abdecken, die mindestens 5 % der gesamten Scope-3-Emissionen ausmachen. Langfristig müssen 100 % der Scope-3-Emissionen reduziert werden. Das neue Ambitionsniveau für Scope 3 beträgt –90,9 % bis 2050. 

 

Marktinstrumente dürfen unter dem neuen Net-Zero-Standard erstmals für Scope 1 und Scope 3 genutzt werden 

Die Nutzung von Marktinstrumenten in Form von Herkunftsnachweisen ist zur Erreichung von Scope-2-Zielen längst Standard. Dieses Prinzip wird nun auch auf die übrigen Scopes ausgeweitet. In Anlehnung an das neue GHG Protocol Actions and Market Instruments (Veröffentlichung 2028) legt die SBTi erstmals Regeln und Qualitätskriterien für Marktinstrumente fest. Besonders in Scope 1 können Unternehmen dadurch Instrumente wie Grüngaszertifikate zur Erreichung ihrer Klimaziele nutzen. Dies ist jedoch an eine Bedingung geknüpft: Marktinstrumente sind nur zulässig, wenn Unternehmen keine direkte Rückverfolgbarkeit zu ihren Lieferanten haben oder Reduktionsmaßnahmen für spezifische Aktivitäten nicht umsetzbar sind. In diesen Fällen sind physikalische Emissionsreduktionen durch Interventionen in der Lieferkette nicht möglich. Marktinstrumente sollen bereits für Klimaziele unter dem aktuellen Net-Zero-Standard V1.3.1 genutzt werden können. 

 

Unser Fazit zum neuen Net-Zero-Standard der SBTi  

Der neue Standard kombiniert etablierte Elemente aus dem bisherigen Standard mit den Erfahrungen aus einem Jahrzehnt SBTi-Ziele. So soll aus reinen Ambitionsformulierungen einer Klimazielsetzung ein praxisnaher Handlungsrahmen für Unternehmen geschaffen werden. Mehr Flexibilität in der Zielsetzung sorgt dafür, dass Unternehmen individuellere und passgenauere Ziele setzen können. Gleichzeitig nimmt damit die Komplexität des neuen Standards im Vergleich zu vorher deutlich zu. Es ist positiv zu bewerten, dass die SBTi Feedback aufnimmt und somit die Positionen von Wissenschaft und unternehmerische Realität kombiniert.  

 

 

Die wichtigsten Fragen & Antworten zum neuen Net-Zero Standard 

 

Ab wann kann der neue Net-Zero-Standard genutzt werden?  

Der neue Standard soll ab Februar 2027 genutzt werden können. Bis Dezember 2027 gilt eine Übergangsfrist: Unternehmen können zwischen Version 1.3.1 und Version 2.0 entscheiden. Ab Januar 2028 wird die Nutzung von Version 2.0 verpflichtend. 

 

Mein Unternehmen hat schon ein SBTi-Ziel, muss ich jetzt ein neues Ziel einreichen? 

Nein, bereits validierte Near-Term-Ziele können bis zum Zieljahr bestehen bleiben. Es sollte jedoch geprüft werden, ob sich im Rahmen einer Revalidierung durch das Five-Year-Mandatory-Target-Review ein frühzeitiger Umstieg auf den neuen Standard lohnen könnte. Langfristige Ziele müssen angepasst werden.  

 

Die Anforderungen für Scope 3 steigen. Ist es jetzt schwieriger, SBTi-Ziele zu erreichen?  

Auf der einen Seite werden absolute Reduktionsziele unter dem neuen Standard ambitionierter. Gleichzeitig erlaubt der neue Standard weitere Zielsetzungsmethoden und eröffnet für Unternehmen durch die Nutzung von Marktinstrumenten neue Möglichkeiten, Scope-3-Ziele zu erreichen. Durch das neue „Best Efforts“-Prinzip der SBTi wird zudem anerkannt, dass externe Faktoren dazu führen können, dass Ziele nicht erreicht werden können. 

 

Was sind Category A und Category B Unternehmen

Die SBTi löst die Klassifizierung von „Corporate“ und „SME“ durch ein neues System ab, das Unternehmen in „Category A“ und „Category B“ einteilt. Corporates fallen in Zukunft unter „Category A“, SME fallen somit unter „Category B“. Die Unterscheidung ist wichtig, da es auch unter dem neuen Standard eine Differenzierung der Anforderungen gibt. So müssen sich „Category B“ Unternehmen u.a. weiterhin keine Ziele für Scope 3 setzen.  

 

Welche Anforderungen sind neu, die es vorher so nicht gab?  

 Die wesentlichsten neuen Anforderungen beinhalten: 

  • Veröffentlichung eines Transitionsplans 15 Monate nach Validierung 

  • Freigabe der SBTi-Ziele durch höchstes Entscheidungsgremium im Unternehmen 

  • Auditierung der Basisjahrbilanz 

  • Identifikation von sog. „Emissionsintensiven Aktivitäten“ (z. B. Stahl, Schifftransport, Nutzungsphase verkaufter Produkte) 

  • Quantifizierung von FLAG-Emissionen für alle Unternehmen 

  • Langfristige Reduktion der Emissionen in Scope 1 um 100% 

  • Getrennte Zielsetzungen von Scope 1, 2 und 3 

  • Optional: Ausweisen des Anteils von stündlich gematchten Herkunftsnachweisen 

Veröffentlicht am
16.06.2026
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